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Herr und Frau Panama

„Die Bedeutung von Musik für die Menschen
ist eines der großen Geheimnisse“
Keith Richards


Vier Paar Springerstiefel standen im Halbkreis vor ihm. „Hey, Panama, glotz nicht so blöd!“ sagte der älteste Skinhead, ein stämmiger Zwanzigjähriger. Er roch deutlich nach Alkohol.
„Bitte lassen Sie mich in Ruhe, meine Herren!“ Der drahtige, kahlköpfige Geigenspieler versuchte, sich an einer Seite vorbeizudrücken.
„Nun mal nicht so schnell, Alter!“ Der Anführer hob kurz seine linke Hand, und alle vier machten einen Schritt auf Herrn Panama zu. „Wir wollen doch nur noch ein bißchen Musik hören.“
„Bitte, meine Herren...“

„In der kommenden Woche werde ich mit Paganini gastieren“, sagte Herr Panama am Sonntagvormittag zu Frau Panama und bestrich eine Brotscheibe mit Aldimarmelade. Seit neun Jahren wohnten sie zusammen. „Die Capricen sind höchst ergiebig. Nach dem Frühstück werde ich Ihnen etwas vorspielen.“
Während Frau Panama das gespülte Geschirr in einen Schrank zurückstellte, holte Herr Panama aus seinem Zimmer eine Geige. Routiniert stimmte er das Instrument. „Ich spiele die Nummer 24: Thema mit Variationen“, kündigte er an und ließ den Bogen über die Saiten gleiten, springen, schleifen und kratzen. Den letzten Ton zog er wie einen Jauchzer in die Höhe und stand dann drei Sekunden regungslos in der Küche. Mit der Bogenspitze berührte er fast das verblichene Blumenmuster der Deckenlampe.
„Wunderbar, Herr Panama, großartig, ich verehre Ihre Kunst!“ Frau Panama saß wie gewohnt kerzengerade mit parallel gestellten Beinen auf ihrem Stuhl. Ihre Hände waren im Schoß gefaltet. Im Gegensatz zu Herrn Panama war sie klein und kubisch. Mehr lesen